Fake News

Täglich lesen wir über Fake News oder wir lesen sogar Fake News, ohne es zu merken. Der Begriff hat beste Chancen, demnächst zum Wort – oder Unwort – des Jahres gewählt zu werden. Dabei sind Fake News eigentlich schon ein alter Hut. Jedenfalls in der Werbung. Wer erinnert sich nicht an die „Kinder Milch-Schnitte“? „Schmeckt leicht. Belastet nicht. Ideal für zwischendurch.“ Immerhin die „Extraportion Milch“ für den Nachwuchs, oder? 60 (in Worten sechzig) Prozent Fett und Zucker. Nicht zu Unrecht bekam Ferrero von der Organisation Foodwatch 2011 den „Windbeutel des Jahres“ für diesen dreisten Etikettenschwindel. Dem Erfolg hat’s eher nicht geschadet.

Es ist also nicht ganz einfach mit der Wahrheit oder dem, was man darunter versteht. Sicher gibt es vom dezenten französischen „corriger la vérité“ bis zu Trumps dreisten Lügen eine große Bandbreite. Und – kommen wir zur Sache – ganz bestimmt gibt es auch eine Strategie, kritische Produkte oder Leistungen mit positiven Elementen zu belegen, um von den schlechten Eigenschaften abzulenken. So wirbt seit Jahren die Atomindustrie mit der Aussage „Null CO2“ auf Plakaten und in Anzeigen. Also diskutiert man über CO2 und nicht über Reaktorunfälle, gefährliche Transporte, wachsende strahlende Müllberge oder die Weiterverbreitung der Atom bombentechnologie.

Bei solch enormen kreativen Leistungen mag die Druckindustrie natürlich nicht zurückstehen. Da hat man sich jahrelang mit Öko-Superlativen übertrumpft: chlorfreie Bleiche, Blauer Engel, FSC-Zertifikate, klimaneutraler Druck mit Eco-Management und Audit Scheme. Ja sogar Druckmaschinen wurden klimaneutral aufgestellt. Kein Monteur durfte beim Maschinenaufbau ein Püpschen lassen – oder was ist eigentlich damit gemeint? Und dann als Krone der Schöpfung LEUV: Low-Energy-UV-Druck, hier und da sogar „blue light offset“ genannt.

Die Werber überschlagen sich. „Freuen Sie sich auf neue Maßstäbe in Schnelligkeit, Ökologie, Materialvielfalt und Ergebnisqualität“ oder „60 % Energieeinsparung“. „Ozonbildung entfällt und die Abluft muss weder abgesaugt noch gereinigt werden.“ „Neue, flexibel regelbare und energieeffiziente Trocknertechnologie.“ Nachteile? Fake News!

Oder vielleicht doch die größte Ökosünde unserer Branche der letzten Jahrzehnte? Aber der Reihe nach.

Was ist UV-Druck? Beim UV-Druckverfahren werden UV-Strahler und UV-reaktive Kunststoffe eingesetzt. In der UV-Technologie werden spezielle Druckfarben mit sogenannten Fotoinitiatoren verwendet. Die Farben sind vor der Härtung gesundheitsschädlich, weshalb alle, die damit in Kontakt kommen, Schutzkleidung mit Handschuhen und Brille tragen müssen. Farbabfälle sind als Sondermüll zu entsorgen. Warum? Die gehärtete Farbe kann mit Plastik verglichen werden. Sie lässt sich beim Papierrecycling nicht oder nur unzureichend entfernen und führt zu bunten Sprenkeln im Recyclingpapier – das war schon immer das Problem UV-härtender Farbe. Deshalb muss UV-Makulatur in der Druckerei getrennt von übriger Makulatur erfasst werden; sie darf nicht ins grafische Altpapier gelangen. Praktische Beispiele aus Untersuchungen der INGEDE (Internationale Forschungsgemeinschaft Deinking-Technik) zeigen, wie viel Plastikschmutz durch den UV-Druck entsteht. Denn ausgehärtete UV-Farben sind Plastik. Plastikmüll ist eines der großen Problemfelder beim Thema „Umweltschutz“.

Die Trocknungsenergie, eben diese UV-Strahlung zur Polymerisation, wird dem Druckprodukt zusätzlich zugeführt. Die „60 % Energieeinsparung“ beziehen sich im Vergleich also nicht – wie man vermuten könnte – auf konventionellen Offsetdruck, sondern auf den schon länger bekannten konventionellen UV-Druck, der mit noch wesentlich höherer Energie betrieben wird.

Aber es kommt noch toller: Es wird damit geworben, dass man mit dieser Technologie Naturpapier exzellent bedrucken könne. Das klingt doch perfekt nach Natur und Ökologie. Ist aber – ohne Zweifel – das Gegenteil. Statt mit schwermetallfreien Druckfarben aus nachhaltigen Rohstoffen wird das Naturprodukt Papier mit Plastik zugekleistert. Und geradezu verrückt wird es, wenn der Speckglanz auf Naturpapier dann als besonders eindrucksvoll gelobt wird. Das wäre so, als würde man seinen wunderschönen Parkettfußboden mit Acryllack versiegeln. Zu einem guten Druck auf Naturpapier gehören natürliche, nicht glänzende, umweltfreundliche Druckfarben.

Wer allerdings unseren wunderbaren, nachhaltig erzeugten Bedruckstoff PAPIER mit Plastik zukleistert, ist ein Sünder. Und wer das mit Umweltaspekten bewirbt, lügt. Fake News also!

Meint jedenfalls
Ihr Reinhard Berlin

Erfahren Sie mehr über unseren Umgang mit der Umwelt auf unserer Seite Standards.