Jetzt jammern sie wieder…

Jetzt jammern sie wieder, die lieben Unternehmerkollegen. „Für nichts zu gebrauchen“, „Schulversagen“ oder schlicht „Nicht ausbildungsreif“. Sogar die Bundesregierung bläst im Berufsbildungsbericht in das gleiche Horn: „Die Bundesregierung ist besorgt über die mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlicher in Deutschland. Nach wie vor verließen zu viele die Schule ohne Abschluss.“ Als Hauptursache werde bei Betriebsumfragen „mangelndes Leistungsvermögen und die unzureichende schulische Qualifikation der Bewerber“ genannt. Nach einer Untersuchung der Industrie- und Handelskammern soll rund die Hälfte der Jugendlichen nicht ausbildungsreif sein. Und laut einem Bericht der Tageszeitung WELT sieht die Wirtschaft als Ursache Defizite in den Familien.

Mag ja sein, dass der eine oder andere noch ein Vorbereitungsjahr einschieben muss, bevor er mit einer qualifizierenden Berufsausbildung beginnen kann. Aber wie sieht es am anderen Ende der Fahnenstange aus? Was leisten (sich) die Unternehmen oder „die Wirtschaft“?

Ein Beispiel aus der bayrischen Hautstadt im Jahre 2018. Fünfzehn offene Stellen für die Ausbildung zum Mediengestalter oder Mediengestalterin in den bekannten Kanälen (Internet/Arbeitsamt etc.). Fünfzehn Mappen, fünfzehn Anschreiben, fünfzehn Bewerbungen. Recht ansehnlich. Die Bewerberin will schließlich Gestalterin werden und hat sich die Grundlagen Photoshop längst selbst erarbeitet. Und ab die Post. Elf Mal überhaupt keine Reaktion. Auch nach acht Wochen: NULL, NOTHING. Drei schriftliche Absagen, eine davon als E-Mail in einem Satz und eine Einladung zu einem Probearbeitstag. Und der Tag war durchaus akzeptabel. Man mochte sich – und kurze Zeit später die telefonische Zusage und Ankündigung der Vertragsübersendung.

Statt eines Vertrages dann am Montagmorgen eine E-Mail mit einer plumpen Absage. Es hätte sich noch jemand anderes beworben, den man jetzt nehmen würde. Basta. Kein Sorry, kein Bedauern. Und wohlgemerkt: Das war keine kleine Klitsche, sondern ein bekanntes, führendes Unternehmen aus unserer Branche.

Da hilft dann weder schulische Anstrengung, noch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) unter dem Titel „Bildungsarmut und Humankapital in Deutschland“. Da geht es um Anstand, Respekt und Glaubwürdigkeit.

Vielleicht hilft es ja, wenn Joachim Ossmann, Leiter der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven am Montag, den 16.Juli im Interview mit dem Weser-Kurier sagt, „Viele, aber nicht alle, haben schon ihre Ansprüche zurückgeschraubt.“ Denn dass Betriebe händeringend nach Fachkräften suchten, sei eine „Chance für die Jugendlichen, die früher nie eine Lehrstelle bekommen hätten“. Unternehmer sollten auch schwächere Schüler einstellen.

Das geht allerdings nur, wenn sie den Bewerbern wenigstens antworten. Besser noch: Zuhören. Eine „5“ im Zeugnis war noch nie ein Hindernis für eine tolle Berufskarriere.

Und den Münchener Kollegen schreibe ich jetzt in ihr Zeugnis: Hinsetzten. 6

Ihr Reinhard Berlin