Saufen ist lukrativer als Lesen

Oulu/Finnland. Es war eine tolle Reise. Schneidersöhne hatte eingeladen, eine der modernsten Papierfabriken der Welt zu besichtigen. Unser Rohstoff, holzfrei Bilderdruck, hergestellt in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Kaum zwanzig Jahre ist es her. Schneidersöhne gibt es nicht mehr – aber in Oulu werden nach wie vor jährlich über eine Millionen Tonnen Bilderdruckpapier für feinste Drucksachen hergestellt. Noch. Denn jetzt ist Schluss. Für lockere 350 Millionen Euro werden die Maschinen umgebaut. Bilderdruck ist nicht mehr gefragt. Den abnehmenden Verbrauch an Papier für feinsten Lesestoff bekommt jetzt auch ein Big Player wie Stora Enso zu spüren.

Und was hilft in der Not? Jetzt soll dort „Kraftliner“ produziert werden. Für Bücher und Prospekte eher ungeeignet. Aber aller bestens für Bierverpackungen geeignet. Six-Pack-Träger und Kartonagen für eher schwerere Güter wie Weinflaschen und Schnapskisten. Aus der angeschlossenen Zellstofffabrik kommt dann Braunzellstoff statt hochweißem ungebleichtem Rohmaterial. In der Pressemitteilung von Stora-Enso heißt das „Die Marktdynamik bei holzfrei gestrichenen Papieren hat sich weiter verschlechtert, weshalb Stora Enso seine Transformation beschleunigen muss“.

Zu dieser Meldung passt die Nachricht, dass der ehemalige „Leuchtturm der Papierherstellung“, die Firma Scheufelen aus Oberlenningen nach einer 164jährigen Firmenhistorie und zuletzt mehreren Insolvenzen nun endgültig abgewickelt wird. BVS, Phoenix Motion oder das hochweiße Heaven 42: Bessere Sorten hatte der Markt in den letzten zwanzig Jahren nicht zu bieten, nachdem die Firma Zanders aus Bergisch-Gladbach seine Premium-Papiere Ikonofix und Ikonorex eingestellt hatte. 20 von einstmals über 2.400 Mitarbeitern kümmern sich bei Scheufelen jetzt noch um den Verkauf von der Resterampe, bevor der Letzte das Licht ausmacht.

Aber: Es gibt auch gute Nachrichten. Wenn, wie einige Auguren prophezeien, im Jahr 2034 die letzte Tageszeitung gedruckt wird, können wir wenigstens unser Bier sicher vom Supermarkt auf das heimische Sofa transportieren. Und die Weinkisten von Hawesko erreichen uns trotz DHL und Hermes unbeschädigt. Prost.